MA48 Wien, Foto Vera Enzi

Kühle Kämpfer gegen den Klimawandel

- Presse

Immer mehr versiegelte Oberflächen verdrängen durch die wachsende städtische Infrastruktur den Grünraum. Gleichzeitig verursacht der Klimawandel immer häufiger extreme Wetterereignisse, wie Sommerstürme, Blitzfluten und Hitzewellen. Gebäudebegrünungen sind eine wirkungsvolle Maßnahme um diesen Entwicklungen und den negativen Auswirkungen des Klimawandels entgegenzutreten.

Die Vorteile von Gründächern in der Stadt sind manigfaltig. Neben der Schaffung von Lebensräumen für viele bedrohte Tierarten helfen sie die Städte im Sommer zu kühlen, Überflutungen bei Starkregen zu reduzieren und die Luftqualität zu verbessern. Auch die soziale Komponente und die gesundheitspolitischen Auswirkungen, durch die Förderung der geistigen und körperlichen Fitness der Stadtbewohner, dürfen nicht unterschätzt werden. Die Begrünung eines Gebäudes (Fassaden- und Dachbegrünung) kann weiters dazu beitragen, die Heiz- und Kühlkosten zu senken. Dadurch können wiederum Energie und andere Ressourcen eingespart werden. Begrünte Städte schaffen eine bessere Lebensqualität, gesündere und glücklichere Bewohner, eine höhere Arbeitsproduktivität und verringern die Anzahl der Krankenstandstage.

Der Begrünungsmarkt wächst!
2013 veröffentlichte die Europäische Kommission ihre Green Infrastructure Strategy, gefolgt von einer forschungs- und innovationspolitischen Agenda für naturnahe Lösungen und umweltfreundliche Städte (Europäische Kommission 2015) sowie den endgültigen Bericht über die Unterstützung der Umsetzung der grünen Infrastruktur (Europäische Kommission 2016). Die Kommission erkennt damit den Wert der Ökosystemleistungen und die Vorteile der grünen Infrastruktur auch institutionell an. Selbst bei einer konservativen Schätzung verspricht der Begrünungsmarkt ein noch attraktiveres Zukunftsgeschäft zu werden, als er schon ist. Bis 2015 wurden alleine in Deutschland zirka 86 Millionen Quadratmeter Dächer begrünt und der Markt wächst jährlich um rund 5%. In Österreich, der Schweiz und Deutschland werden jedes Jahr mindestens 10,3 Millionen Quadratmeter Gründächer hergestellt. Außerhalb dieser drei europäischen Märkte zeigen aber auch Städte in anderen Ländern, wie London, Rotterdam, Budapest, Stockholm und Paris, deutliche Steigerungen bei der Realisierung von Gründächern. In Österreich ziehen immer mehr Städte, wie Graz, Wien oder Salzburg mit, forcieren Begrünungsmaßnahmen und fördern diese auch finanziell. Neben Dachbegrünungen erleben auch Fassadenbegrünungen einen echten Boom. So wird der Markt für vertikale Begrünungen 2017 auf 680 Millionen Euro geschätzt – ein Wert, der der Herstellung von rund einer Million Quadratmetern Grünwänden entspricht. Das große Geschäft wird aber nicht nur mit der Herstellung von Gebäudebegrünungen sondern auch der Pflege und Instandhaltung gemacht. Interessant ist dabei, dass die Instandhaltungskosten für begrünte Gebäude unwesentlich höher sind, als für konventionellen Gebäudehüllen, wie zum Beispiel eine Glasfassade.

Grüne Lösungen gegen die Auswirkungen des Klimawandels
50% der Weltbevölkerung leben auf nur 2% der Erdoberfläche, zumeist in Städten. Gleichzeitig sind die Städte für 80% der weltweiten CO²-Emissionen und zwei Drittel des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich. Gebäude verbrauchen 40% der in Europa benötigten Energie und verursachen 36% der CO²-Emissionen. Sonnenstrahlung, Windintensität und -richtung, Baustoffe, Bäume, Pflanzen und Boden, bestimmen die städtischen Mikroklima-Bedingungen. Die Wärme der Sonneneinstrahlung wird einerseits durch Ziegel-, Beton- oder Glasflächen in der Stadt gespeichert und andererseits reflektiert. Versiegelte städtische Oberflächen verstärken diesen Effekt. Die Städte werden immer heißer. Wie gefährlich Hitze sein kann, zeigt die Tatsache, dass aufgrund der Hitzewelle im Sommer 2003 fast 70.000 Menschen in Europa an hitzebedingtem Stress starben. Der Energiebedarf für Heizung und vor allem Kühlung wird bedingt durch den städtischen Bevölkerungszuwachs und extremer werdende Klimabedingungen auch bei uns weiter steigen. Der Anstieg des Energieverbrauchs führt wiederum zur Freisetzung von mehr Treibhausgasen in die Atmosphäre und damit zu einem schnelleren Klimawandel. Ein Teufelskreis, dem allerdings begegnet werden kann. Denn grüne Dächer und Wände kühlen die Umgebung und steigern die Energieeffizienz. Studien zeigen, dass intensive grüne Dächer und Wände einen wertvollen Beitrag leisten können, um die Hitzebelastung in dichten städtischen Gebieten zu verringern. So wurde etwa durch Simulationen festgestellt, dass die vom Menschen empfundene Wärme beim Vorübergehen an einer Grünwand um bis zu 13 Grad Celsius sinkt.

Grünanlagen statt Klimaanlagen
Im Vergleich zu konventionellen Gebäudeflächen haben Vegetationsflächen eine dynamische Beziehung zum Wetter. Wenn die Sonnenstrahlung auf Pflanzen trifft absorbieren diese CO² und beginnen Sauerstoff zu produzieren. Aber das ist nicht alles - Pflanzen "schwitzen" nämlich auch. Die dadurch entstehende Feuchtigkeit verdampft und kühlt die Umgebung. Zusätzlich kühlt die Pflanze auch sich selbst ab. Die Oberflächentemperatur eines Blattes übersteigt niemals die Umgebungslufttemperatur und verursacht so nur wenig Wärmestrahlung. Im Vergleich dazu erreichen Blech- und Schwarzdächer an einem heißen Sommertag manchmal sogar über 80 Grad Celsius. Grüne Dächer und Wände wirken als Puffer für extreme Temperaturen. Die maximale tägliche Materialtemperaturschwankung eines Bitumendaches beträgt 63 Grad, die eines extensiv begrünten Daches nur 19 Grad. Die Innentemperatur der Räume unter einem Gründach kann 3 bis 4 Grad weniger betragen als die unter einem konventionellen Dach. Je dicker die Vegetations- und Substratschicht ist, desto größer ist der Einfluss. Ein weiterer positiver Einfluss von Pflanzen ist die Erhöhung der Luftfeuchtigkeit. Gründächer und andere Grünanlagen tragen damit erheblich zum Wohlbefinden der Menschen in Städten bei. Mehrere Forschungsergebnisse zeigen, dass Pflanzen ihre Kühleffekte erhöhen, wenn die Lufttemperaturen zunehmen. Eine begrünte 850m² große Mauer auf einem öffentlichen Gebäude in Wien (siehe Abbildung) erbringt mit 712kWh an einem heißen Sommertag die Kühlleistung von mehr als 80 Klimageräten mit jeweils 3000 Watt über einen Zeitraum von 8 Stunden. Diese Grünwand produziert zusätzlich genügend Sauerstoff für 40 Personen pro Tag.

Mehrere Vorteile von grünen Wänden und Dächern
Es gibt viele Gründe, in grüne Infrastruktur-Technologien zu investieren, wiewohl sich die Motivation des öffentlichen von jenem des privaten Sektors unterscheidet. Für den öffentlichen Sektor zählen vor allem der Kühleffekt, die Verbesserung des städtischen Mikroklimas, des Regenwassermanagement und der Luftqualität, die Verringerung des Boden- und Verkehrslärms und der Feinstaubbelastung, sowie die Wohlfühl- und Erholungsfunktion. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Grünwände die Lärmbelastung zwischen 1 und 10 dB reduzieren und Gründächer vor allem die Lärmbelästigung aus den Flugverkehrsquellen puffern. Auch binden Pflanzen Feinstaub. So können Kletterpflanzen etwa 1,7 Kilogramm Feinstaub pro Quadratmeter an ihren Blattoberflächen aufnehmen. Die private Investition basiert in der Regel auf finanziellen Vorteilen, z. B. Kosteneinsparungen bei Versorgungseinrichtungen wie Heizen und Kühlen, besserer Vermarktbarkeit und einer höheren Lebensdauer der Baustoffe. Auch hier sind Gründächer durchaus konkurrenzfähig. Die Instandhaltungskosten für extensiv und semi-intensiv begrünte Dächer sind nämlich vergleichsweise niedrig und betragen etwas weniger als 17 Euro pro Quadratmeter bei einem Gründach über 1.000 Quadratmetern und einem Betrachtungszeitraum von 40 Jahren.